von Michael :

Berlin – Brocken – Berlin
600 km Brevet

Am Freitag, den 17. Juni 2011, packte mich mal wieder der Ehrgeiz und ich machte mich auf den Weg aus dem „Land der Horizonte“ nach Berlin. Ich freute mich darauf, etwas anderes zu sehen als nur plattes Land – der Berg ruft!

Am Samstagmorgen starteten ca. 50 hoch motivierte Langstreckenradler zu einem Erlebnis der besonderen Art, dem 600 km Brevet von Berlin auf den Brocken und zurück nach Berlin. Meine Mitstreiter waren mir allesamt fremd, ihr Leistungsvermögen für mich nicht einschätzbar. So hoffte ich, im Feld der Gleichgesinnten passende Wegbegleiter zu finden. Eine Strategie fehlte mir auch noch. Na, das konnte spannend werden.

Die ersten 45 km fuhren wir als geschlossene Gruppe. Der Weg führte uns durch schöne Nadelwälder und der Duft der Bäume rief Kindheitserinnerungen wach.
Eine steife Brise aus W bis SW blies mir ins Gesicht und vertrieb die sentimentalen Gedanken.

Dann bildeten sich verschiedene Gruppen und ich fand meinen Platz in einem kleinen Team von etwa 10 bis 15 Fahrern u. a. Nina, Thomas und Ralf. Harmonisch fuhren wir unter einem wolkigen Himmel bis zum Fuße des Brockens. Über dem Harz stauten sich die Wolken. Nun erwartete uns die Herausforderung des Tages und mir kamen die ersten Zweifel „Was mache ich hier eigentlich? Könnte doch auf der Kieler Woche Partystimmung genießen!“. Unser kleines Team löste sich schnell auf und jeder ging den Anstieg auf den Brocken mit eigenen Kräften an. Davon hatte der eine mehr und der andere weniger – Nina offensichtlich genug, denn ihr Erzählen brach nicht ab, was mich erstaunte. In Elbingerode hatten wir den ersten Anstieg hinter uns und von Ralf hörte ich den Spruch „zum Brocken hoch wird der Anstieg noch etwas steiler“. Ich antwortete „wenn´s weiter nichts ist“, musste mich jedoch ganz schön anstrengen. In Schierke ging es dann zur Sache. 10 km zum Brocken rauf. Irgendwann wechselte der Asphalt in Schotter und die aufgerissenen Wege zwangen mich sogar zu kurzzeitigem Absteigen vom Rad.

Aber dann war es soweit und der Gipfel erreicht. Es war kalt und ungemütlich, aber ein toller Ausblick ringsum in die Täler entschädigte für die Mühen. Ich brauchte dringend etwas Frisches zu trinken und bekam das teuerste Mineralwasser des Lebens für 4,50 Euro - die 0,7 l Flasche ohne Pfand! Wenn man den Berg lebend erklommen hat, dann haut einen dieser Preis aber um. Nach ein paar schönen Fotoaufnahmen und einer kurzen Pause ging es wieder abwärts.

Eine rasante Abfahrt mit bis zu 70 km/h ließ mich alle Risiken vergessen. Im Vertrauen auf mein Navi, was mir die Kurven rechtzeitig ankündigte, raste ich in der Abenddämmerung bergabwärts. Ein tolles Gefühl (und zum Glück stellte sich mir auch nichts in den Weg).

Wieder in Schierke angekommen, fand sich ein Teil der Gruppe erneut zusammen. Wir stärkten uns bei einem Abendessen für die anschließende Nachtfahrt. Ich war froh, wieder einige bekannte Gesichter als Wegbegleiter an meiner Seite zu haben. Wir fuhren durch die Orte Elend und Sorge – ich fühlte mich elend und hatte Sorge, wie schaffe ich es zurück. Ich hatte ja ein Ziel, also die Gedanken wieder darauf ausgerichtet, schafften wir km um km. Unterwegs brach bei Nina eine Speiche im Laufrad. Das hielt sie nicht ab, das hohe Tempo in den Abfahrten mitzugehen. Und das obwohl die Bremsen hinten offen waren. Respekt.

Nach etwa 390 km gab es einen Kontrollpunkt in Ballenstedt. Hier fanden wir freundliche Aufnahme in einem Hotel, bekamen heiße Suppe und Getränke und fanden ein warmes Ruheplätzchen auf Bänken und Stühlen im Barbereich. Nicht wie ein Streuner am Straßenrand – herrlich! Nach etwas Schlaf und einem Wechsel der Radklamotten fühlte ich mich wie ein neuer Mensch.

Mit frischen Kräften und Rückenwind starteten wir in den frühen Morgenstunden zu viert in Richtung Dessau. Unterwegs gab es mehrere Ortschaften mit Kopfsteinpflaster. Ich fühlte mich zurückversetzt in frühere Zeiten, nur mein Rad nicht. Am liebsten hätte ich es getragen über diese unliebsamen Wege und verfluchte Ralf für diese Streckenführung. Nina (defektes Hinterrad) und Thomas waren jedoch nicht zu stoppen und hämmerten darüber, als ob sie nichts anderes kennen würden.

In Dessau und in Niemek machten wir noch eine längere Pause, bis es auf die Schlussetappe nach Berlin ging. Unterwegs trafen wir wieder Ralf und Andreas.
Und dann war es soweit: Am Sonntagmittag war unser Ziel Berlin in Sicht. Aber es kommt manchmal härter als man glaubt. Strömender Regen die letzten 10 km. Es gab jedoch kein Halten mehr. Also Zähne zusammenbeißen und die ausgiebige Dusche ertragen. Es hat sich gelohnt! Nach ca. 33 Stunden erreichte ich glücklich das Ziel, habe nette Leute kennen gelernt, hatte trotz der großen Herausforderung auch viel Spaß und im brandenburgischen Land jede Menge Heimatgefühle.

Fazit: Wenn der Berg auch im nächsten Jahr wieder ruft, werde ich meine Ohren offen halten.

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